Komplexität abbilden – Medien, Wissenschaft und die Darstellung von Islam & Nahem Osten

Komplexität abbilden – Medien, Wissenschaft und die Darstellung von Islam & Nahem Osten

14. Februar 2019 – Asien-Orient-Institut, Universität Zürich

 

Ausgangslage und Tagungsablauf

Sowohl die (Islam-)Wissenschaft als auch die Medien haben die Aufgabe, die Komplexität der Themengebiete Islam und Naher Osten zu erfassen und im öffentlichen Diskurs zu thematisieren. Die Zusammenarbeit zwischen Medien und Wissenschaften gestaltet sich jedoch oft schwierig:  Meist kommen beide Seiten nur in Krisensituationen (etwa: Krieg, Terrorismus, Extremismus) zusammen. Zudem verfolgen Wissenschaft und Medien unterschiedlich Logiken, die nicht immer kompatibel sind.

Auf der Tagung «Komplexität abbilden – Medien, Wissenschaft und die Darstellung von Islam & Nahem Osten», die am 14. Februar an der Universität Zürich stattfand, diskutierten Wissenschaftler*innen und Medienvertreter*innen, wie der Austausch zwischen Medien und Wissenschaft anders gestaltet werden könnte. In Diskussionen, Vorträgen und Workshops mit mehr als 120 Teilnehmenden sollten dabei nicht nur Probleme der Berichterstattung identifiziert, sondern auch an möglichen Lösungen gearbeitet werden.

Dass die Thematik diverse Bereiche und Disziplinen wie Medien, Religion, Politik und Kultur betrifft, zeigt sich auch am Organisationsteam. Konzipiert wurde die Tagung von mehreren Nachwuchswissenschaftler*innen aus der Islamwissenschaft, der Kommunikationswissenschaft und der Sozialanthropologie der Universität Zürich, der ZHAW und der Universität Bern sowie von einem Journalisten. Unterstützt wurde die Tagung durch die SGMOIK und SGKMZ.

Die Tagung war in drei Teile gegliedert. Der erste Block mit Vorträgen von Monika Bolliger (bis Sommer 2018 NZZ-Nahostkorrespondentin) und Nina Fargahi (ehemals NZZ-Nachrichtenredaktion, heute Chefredaktorin des Medien-Magazins EDITO) beleuchtete die Medienperspektive; der zweite Block mit der Keynote von Daniel Gerlach (Orientalist, Nahostexperte und Herausgeber des Magazins ZENITH in Berlin) und der anschliessenden Panel-Diskussion betrachtete die Zusammenarbeit von Medien und Wissenschaft. Der dritte Block umfasste vier Workshops, an denen verschiedene Aspekte der Berichterstattung an konkreten Beispielen von Vertreter*innen aus Medien und Wissenschaft behandelt wurden. Abgeschlossen wurde die Veranstaltung mit einer Podiumsdiskussion. Unter der Leitung von Amira Hafner-Al Jabaji (SRF) diskutierten Christoph Keller (SRF2 Kultur), Katia Murmann (Blick-Gruppe), Armina Omerika (Goethe-Universität Frankfurt), Reinhard Schulze (Universität Bern) und Stefan Weidner (Islamwissenschaftler und Autor) zusammen mit dem Publikum über Probleme und mögliche Lösungen.

Diskussionen und Ergebnisse

Die mediale Berichterstattung zum Islam und zum Nahen und Mittleren Osten  – ob in der Schweiz oder international – ist oft undifferenziert. Nicht selten werden pauschale, meist negative Bilder von «den Muslimen», «dem Islam» oder «dem Nahen Osten» gezeichnet. Diese Einschätzung teilen auch Medienschaffende: Nina Fargahi, Chefredaktorin des Medien-Magazins EDITO, sieht die «Cervelat-Debatte», ausgelöst durch SVP-Nationalrat Andreas Garner, als Beispiel für eine mediale Pauschalisierung, deren Ausgangspunkt bereits in ihrem Wahrheitsgrad umstritten ist. Monika Bolliger, während sieben Jahren NZZ-Nahostkorrespondentin, berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Sie beobachtet, dass sich journalistische Berichterstattung oft auf Krisenthemen und Probleme beschränkt, statt die Komplexität des Themas und der Region über Hintergrundberichte darzustellen und damit auf Klischees zu verzichten. Die Ursache für diese Probleme sehen Wissenschaftler*innen wie Journalist*innen auf mehreren Seiten: zum einen beim Journalismus, der sich oftmals mehr auf nachrichtenwürdige Krisen als sachliche Hintergründe konzentriert und allzu stark mit simplifizierenden Labels arbeitet; zum anderen bei der Wissenschaft, die es nicht schafft, ihre differenzierten, die Komplexität des Themas erfassenden Erkenntnisse in eine alltagstaugliche und verständliche Sprache zu übersetzen und damit der breiten Masse zugänglich zu machen. Stefan Weidner, Islamwissenschaftler und Autor, zeigte sich an der abschliessenden Podiumsdiskussion pessimistisch, was die Möglichkeiten der Medien betrifft, in der öffentlichen Debatte stärker zu vermitteln. Eine Teilschuld, so die Meinung vieler Referierenden, liege auch bei den Konsumenten, die zu wenig bereit seien, für qualitativ hochwertige Beiträge zu zahlen, komplexe Geschichten zu verarbeiten und zu stark vereinfachende Geschichten zu meiden.

Einig sind sich Medienvertreter*innen und Wissenschaftler*innen auch in einem weiteren Punkt: Der Nahe Osten, der Islam sowie muslimische Bürger*innen sind facettenreicher als in den Medien meist dargestellt. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden und Stereotypen zu vermeiden, bedarf es einer adäquaten Berichterstattung.

Drei Punkte haben sich im Verlauf der Veranstaltung als zentral erwiesen:

1) Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Medien und Wissenschaft organisiert werden? Die Medien sind stark mit Finanzierungsfragen und internen Sachzwängen beschäftigt, die Wissenschaft ist hier Lieferantin, nicht unbedingt Partnerin. Auf der anderen Seite ist die Arbeit mit Medien an den Universitäten weitgehend ein Fremdkörper, der weder in den Arbeitsanforderungen vorgesehen ist, noch honoriert wird. Es ist nach wie vor unklar, wie die Zusammenarbeit konkret aussehen soll, es sei denn, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bringen sich selber aktiv ein. Insgesamt erscheint eine stärkere Strukturierung der Zusammenarbeit notwendig; Schnittstellenfunktionen könnten hier Institutionen wie die SGMOIK oder das FINO der Universität Bern einnehmen.

2) Welche Komplexität wird gefordert? Von wissenschaftlicher Seite wird den Medien oft mangelnde Komplexität in ihren Darstellungen vorgeworfen. Doch stellt sich die Frage, welche Aspekte komplexer gefasst werden sollen. Herauskristallisiert haben sich zwei Komplexitätsebenen: Die Darstellung von Konzepten, z.B. «dem» Islam; und die Darstellung von Menschen. Wenn Gesellschaften oder Einzelpersonen auf ihre religiöse Zugehörigkeit reduziert werden, primär als Muslim*innen gesehen und darüber definiert werden, kann auch der differenzierteste Umgang mit dem Islam nichts an dieser Reduktion ändern. Komplexität kann darüber hinaus auch heissen, dass nicht abschliessende oder gar normative Antworten und Kommentare geliefert werden, sondern dass auch Debatten innerhalb der entsprechenden Glaubensgemeinschaften oder Gesellschaften abgebildet werden.

3) Wissenschaft und Medien sind nicht nur voneinander getrennte Felder, sondern Teil gemeinsamer gesellschaftlicher Entwicklungen. Damit leiden sie auch an denselben Darstellungsproblemen, etwa dem Zwang zur Vereindeutigung bzw.  zum «Auf-den-Punkt-bringen». Zudem stellen «Islam» und Muslime» auch Projektionsflächen dar, auf denen wiederum gesellschaftliche Debatten ausgetragen werden. Dies sind Bereiche, die auch aus wissenschaftlicher Perspektive umstritten sind. Es wäre wünschenswert, wenn solche Debatten gerade auch beim Thema Islam von der Wissenschaft in die Medien getragen würden. Dadurch könnten sie in die Beschäftigung mit dem Islam und damit in ein akutes «Krisenthema» (Christoph Keller) integriert werden, statt sie in die Feuilletons zu verbannen.

 

Fazit und Ausblick

Aus Sicht der Veranstalter*innen und auch aufgrund zahlreicher Rückmeldungen kann für diese Tagung ein äußerst positives Fazit gezogen werden. Eine erstaunlich grosse Zahl von Wissenschaftler*innen und Medienvertreter*innen wurde in einen konstruktiven Dialog gebracht, was das immense Interesse am Austausch und an einer Verbesserung der gemeinsamen Zusammenarbeit demonstrierte.  Unterstrichen wurde dieser positive Eindruck durch die disziplinäre Vielfalt der Referierenden sowie engagierte und durchaus kontroverse Diskussionen mit dem Publikum, die verschiedene Perspektiven aufeinander treffen liessen. Auch konkrete Lösungen wurden an einigen Stellen benannt (etwa: mehr Diversität in der Aufstellung journalistischer Outlets, d.h. gezielte Anstellung muslimischer Journalist*innen; Fokus auf Hintergrundberichte anstelle von Krisen; Möglichkeit, zu stereotypen Narrativen Gegen-Narrative anzubieten). Auf Seiten der Wissenschaft ist eine aktivere Presse- und Medienarbeit gefordert, bei der spannende Ergebnisse nicht nur intern diskutiert, sondern auch aktiv an den Journalismus herangetragen und für diesen alltagssprachlich aufbereitet werden. Beide Seiten sind also gefordert, aktiv an einer Veränderung der Berichterstattung über Islam und Nahen Osten mitzuwirken.

Die Rückmeldungen zahlreicher Tagungsteilnehmerinnen und Besucher (sowohl aus den Medien als auch aus der Wissenschaft) haben zudem das Bedürfnis nach weiteren Anlässen zum Thema zum Ausdruck gebracht. Unabhängig von der Ausgestaltung konkreter Formate (Tagung, Workshops, Kollaborationen) wäre die Prüfung eines langfristigen Engagements in diesem Bereich daher wünschenswert.

 

Spannende weitere Nachberichte zur Tagung gibt es etwa auf Persoenlich.com, dem Blog der SAGW und Medienwoche.ch.

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